Jedes Jahr am zweiten. Sonntag im September ist in Deutschland der Tag des offenen Denkmals. 7500 denkmalgeschützte Burgen, Schlösser und Häuser öffneten 2017 für einen Tag ihre Türen.
Zu dem Thema „Macht und Pracht“ nahmen allein 1100 denkmalgeschützte Objekte in NRW teil.

 

 

Das Hohe Haus in Lienen am Kirchplatz

 

 

 

Fast 150 Personen nutzten die Gelegenheit, das Hohe Haus im Besitz der Familie Leo und Justine Wang zu besichtigen. Die Gemeinde Lienen (Tourist-Information) und der Heimatverein Lienen e.V. übernahmen die Organisation.
Der Heimatvereinsvorsitzende Friedel Stegemann und Bürgermeister Arne Strietelmeier begrüßten die schon zahlreich erschienenen Gäste. Als Dank für die Öffnung des Hohen Hauses übergab Stegemann zwei Bücher und einen Geschenk-Gutschein vom Heimatverein an Frau Wang mit den Worten, dass kein Besitzer verpflichtet sei, sein denkmalgeschützten Objekte für eine Besichtigung frei zu geben.

Justine Wang, Bürgermeister Arne Strietelmeier, Friedel Stegemann, 
Reinhard Schmitte

 

 

Die anschließenden Führungen durch das Hohe Haus vom Keller bis zum Dachboden übernahm Reinhard Schmitte, der in seiner gewohnt launigen Art den interessierten Besuchern das Haus in Lienen näher brachte.

 

 

Im Kellergewölbe konnten Interssierte Einiges in der von
Dr. Christof Spannhoff zusammengestellten und nachfolgend wiedergegebenen Dokumentation zum Hohen Haus in Wort und Bild erfahren.

 

 

Der Ursprung
Wohl wegen seines herrschaftlichen Eindrucks ist dem Hohen Haus auch ein besonderer Ursprung zugeschrieben worden.
Zum einen soll es sich um den Sitz der Herren von Lienen gehandelt haben. Doch gibt es für diese Annahme keine stichhaltigen Hinweise. Diese Vermutung ist erst im 19. Jahrhundert von einem Besitzer des Hauses geprägt worden. Die spätere lokale Heimatforschung nahm diese Mitteilung dann für bare Münze.
Zum anderen soll das Hohe Haus früher ein Jagdschlösschen der Tecklenburger Grafen gewesen sein. Das ist durchaus möglich, weil der Vorgängerbau den Grafen von Tecklenburg gehörte. Dieses ältere Haus, das von einer alten Holzförsterfrau bewohnt wurde, bezeichnete man
 1706 als „Herrenhaus“.

 

 

1672 wird in Lienen ein Herrenhaus erwähnt, das den Ort sehr verziere. Der Vorgängerbau des Hohen Hauses könnte mit diesem identisch gewesen sein.
1615 wird ein gräfliches Haus in Lienen genannt, an dem damals dessen fünf Schornsteine gereinigt werden mussten.
1548 ist von einem gräflichen Haus am Lienener Kirchhof (heute Kirchplatz) die Rede, das mit der Zehntscheune des Klosters Iburg vereinigt wurde. Beide Häuser waren Speichergebäude, sogenannte Kirchhofspeicher. Möglicherweise ließ der Tecklenburger Graf also auf den Grundflächen der beiden Speicher ein neues Gebäude errichten, das der Vorgänger des Hohen Hauses gewesen sein könnte.

 

 

 

Geschichte des Hohen Hauses

1706
– Der Lienener Vogt Rudolf Krafft bekommt ein verfallenes und von hohen Bäumen umstandenes Sandsteingebäude am Lienener Kirchhof vom Tecklenburger Grafen geschenkt – unter der Bedingung, dass er ein neues Gebäude nach den Plänen des Grafen errichten müsse. Der Vogt baut also unter Verwendung der Materialien des Vorgängerbaues von Grund auf neu. Dabei nutzt er seine Amtsgewalt zur Beschaffung der Baumaterialien, vor allem des Bauholzes.
Das Ergebnis: ein wuchtiges zweistöckiges Fachwerkgebäude mit einem fast quadratischen Kellergewölbe und einem Mansardenwalmdach, das einen herrschaftlichen Eindruck vermittelt.

1725 – Vogt Krafft stirbt. In der Folge hatte das Haus verschiedene Bewohner, bleibt aber Eigentum der Familie Krafft.

 

 


1754
bis 1769 – Der Landrat der Grafschaft Tecklenburg, Friedrich von Nolting, residiert im Hohen Haus.

1781 – Der Lienener Pfarrer Friedrich Snethlage erwirbt das Gebäude von einer Tochter des Vogtes Krafft.

1784 – Snethlage verkauft das Hohe Haus an den Kaufmann Rudolph Kriege. An ihn erinnern die Buchstaben und Zahlen am schmiedeeisernen Geländer am Westeingang: 17-RK HSK-84. HST steht für Helena Sophie Staggemeyer, seine Frau.
Die Krieges waren eine Lienener Kaufmannsfamilie, die ihren Wohlstand dem Leinwandhandel verdankte, den sie seit dem 17. Jahrhundert betrieb. Rudolph Kriege handelt aber auch mit Saatgut und Manufakturwaren.

1809 bis 1813 – Rudolph Kriege ist Bürgermeister von Lienen

1830 bis 1833 – Im Hohen Haus wird eine „Leinenlegge“ eingerichtet, also eine Prüfstelle zur Beurteilung der Qualität von Leinenstoffen. Mit der in den Leggen vorgenommenen Qualitätsprüfung und -zertifizierung sollte der lokale und regionale Leinenhandel gefördert werden, der sich seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts in einer schweren Krise befand. Allerdings war der Niedergang nicht aufzuhalten.

1845 – Das nördlich angrenzenden Wohnhaus mit Nebengebäude (der sogenannte „Pingel“), das die Familie Kriege zuvor erworben hatte, wird abgebrochen und als neues Gebäude (heute Keuenhof) errichtet. Das neue Haus wird mit dem Hohen Haus verbunden. In dem Gebäude waren Schlafstuben, Waschküche, Holzlagerraum, Stallungen und Remisen untergebracht.

1912 – Die Firma Kriege meldet Konkurs an, wodurch die Mitinhaber große Teile ihres Besitzes verlieren. Das Hohe Haus bleibt aber bis 1970 in Familienbesitz.

1912 bis 1919 – Der langjährige Mitarbeiter Hermann Hilgemann führt das Textilgeschäft im Hohen Haus weiter, bis er es nach Ende des Ersten Weltkrieges (1914–1918) in das Nachbargebäude (heute Albert Pellemeier) verlegt.Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg ist im Hohen Haus eine Apotheke untergebracht.

1930 bis 1936 – Im nach Osten vorgelagerten Viehhaus, das noch auf alten Bildern zu sehen ist, wird die Lienener Feuerspritze gelagert.

1952 – Das ehemalige Viehhaus wird abgerissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) dient es August Greßkötter als Werkstatt.

1970er Jahre – Im Zuge der Ortskernsanierung wird das Hohe Haus grundlegend saniert. Der Putz, der bereits im 18. Jahrhundert auf die Außenwände aufgetragen worden war, um das Gebäude als massiven Steinbau erscheinen zu lassen, wird entfernt und die eigentliche Fachwerkkonstruktion wieder freigelegt. Nach seiner Renovierung ist im Hohen Haus ein Hotel beheimatet. Im Kellergewölbe wird Gastronomie betrieben.

1986 – das Hohe Haus wird Verwaltungsgebäude des Pharmazie-Herstellers Plosspharma.

2016 – Nach mehrjährigem Leerstand kauft Leo Wang das Hohe Haus und richtet hier die Zentrale seines Import-/Export-Unternehmens für Hightech-Produkte ein.

 

 

 

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